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Natur und andere Gewalten
Texten, Komponieren und Gestalten auf Spiekeroog (zu den Fotos)
Schon vorbei! Unser diesjähriges Text- und Kompositionsseminar war erfolgreich - und wenn ihr es verpasst habt, seid ihr selbst schuld. Hier findet ihr einen ausführlichen Bericht und Millionen von Fotos. Ende des Jahres werden die fertigen Songs auf einer Dokumentations-CD veröffentlicht.
34 motivierte Menschen haben in vier Gruppen eine Woche lang im Evangelischen Jugendhof auf Spiekeroog geschuftet und intensiv an Texten, Kompositionen und (Schwarzlicht-)Theaterszenen gefeilt. Der inhaltliche rote Faden orientierte sich am derzeitigen Schwerpunktthema der Evangelischen Jugend "Gewalt überwinden". Das Landesjugendcamp 2002 mit seinem Motto "Schlagfertig! - Vom Einstecken und Austeilen" war ebenfalls ein Ideengeber für die Arbeit an neuen Songs und Szenen.
Unter dem Eindruck der Terroranschläge
Das Seminar stand unter dem Eindruck der Terroranschläge in den USA und der Furcht vor einer möglichen militärischen Eskalation. Den fast nicht mehr erwarteten "Gegenschlag" der Amerikaner erlebte die Gruppe während der Studio-Aufnahmen im Evangelischen Jugendhof Sachsenhain/Verden. Doch die kreative Arbeit konzentrierte sich nach einer Anfangsdiskussion nicht nur auf die tagesaktuellen Gewaltereignisse, sondern nahm auch Ursachen und Grundmuster von Gewalt in den Blick.
In der Textgruppe etwa kamen sowohl andere Formen von Gewalt (Rassismus, Gewalt in der Schule, Beziehungsstress) wie auch das eigene Erleben und Verarbeiten von medial übermittelten Gewaltdarstellungen zur Sprache. Unter Anleitung des Lyrikers Frank Fockele (Hamburg) wurden gemeinsam Grundregeln für "dichte" Texte, also Gedichte, also Lyrik, erarbeitet. Nicht nur der Inhalt, sondern auch der Rhythmus und die Melodie sind entscheidend für die Qualität eines Liedtextes. So waren die Ergebnisse zumeist gekonnt erzählte Geschichten, die die inflationäre Verwendung des Wortes "Gewalt" überflüssig machten. Es kam erstaunlicherweise in keinem einzigen Text vor - im Grunde eine sprachliche Variante der Gewaltüberwindung.
Reduziert auf das Wesentliche
Ähnlich war der Ansatz der Schwarzlichtgruppe. Durch die optisch reduzierte Darstellung mittels Gesten und schlichten Requisiten gelang die Verbildlichung verschiedener Gewaltsituationen besonders eindrücklich. Unter der Regie von Harald Breitenfeld (Hildesheim) entwickelten die Teilnehmenden Alltagsepisoden, (Alb-)Traumbilder und minimalistische Partnerszenen, in der zwischenmenschliche Verletzung und Versöhnung austariert wurden.
Eine weitere, aber "herkömmliche" Theatergruppe wagte sich mit Uwe Oetting (Landesjugendpfarramt Hannover) und Burkhardt Wagner (Hildesheim) an die szenische Bearbeitung eines Textes von Gerhard Zwerenz, in dem es um gewalttätige Eskalation ging. Die grotesk überzeichnete Geschichte eines Nachbarschaftsstreites, der in einem Atomkrieg gipfelt, zeigte die Sinnlosigkeit der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Während anfängliche Szenen durchaus noch komisch wirkten, blieb das Lachen gegen Ende im Halse stecken. Da wurde deutlich, dass das dargestellte Szenario vielleicht doch gar nicht so absurd war und sich durchaus auf andere Lebenssituationen übertragen lässt.
Angesichts des sperrigen und schweren Themas hatte es die Kompositionsgruppe nicht gerade leicht. Der ursprüngliche Ansatz war immerhin nicht weniger als ... hüstel ... einen Hit zu schreiben. Der Bassist, Keyboarder, Chorleiter und Arrangeur Micha Keding (Bremen) führte in die Grundlagen von Harmonik, Melodik und Rhythmik ein und analysierte mit den Musikerinnen und Musikern die "Hooklines" eines aktuellen Popsongs. Die "Hook", die es fortan für jeden Song zu suchen galt, ist ein leicht wiedererkennbares musikalisches Element, das jedem Zuhörenden sofort im Ohr hängen bleibt.
Kompositorische Herausforderung
Die Konzeption, fertige Texte anschließend zu vertonen, geriet dadurch zur echten Herausforderung. O-Ton eines Teilnehmers: "Ich könnte diesen Text zwar inhaltsgetreu vertonen, aber ich möchte die dazu passende Musik nicht hören". Es gelang dennoch. Durch die stilistische Vielfalt und die unterschiedliche Herangehensweise der Teilnehmenden entstanden 18 Songs, die von schwermütigen Balladen über beschwingte Popsongs bis hin zu morbiden Experimentalstücken reichten.
Auch die umgekehrte Herangehensweise war spannend. Die Texterinnen und Texter bekamen die Aufgabe, eine "abgesegnete" Komposition aus der Musikgruppe zu vertexten. Es konnte passieren - und war erwünscht - dass auf eine Musik mehrere Texte gedichtet wurden. Diese unterschieden sich zwar erheblich im Inhalt, aber selten in der Grundstimmung. Die Ergebnisse stellten sich die einzelnen Gruppen abends im Plenum vor.
Emollmajorsieben ist toll!
Nach dem harten Tagespensum kam auch der gemütliche Teil nicht zu kurz, bei dem schon mal in Vorfreude "auf'm Camp" angestoßen wurde. Das Fazit der Teilnehmenden war durchweg positiv, sei es mit der Universalwertung "tiiieeeerisch" oder auch mit differenzierteren Aussagen wie "Emollmajorsieben ist toll!". Die Insel tat ihr Übriges, denn ausgedehnte Strandspaziergänge setzten immer wieder neue Kreativität frei.
Wie üblich werden die Arbeitsergebnisse ausführlich dokumentiert. Neben diesem Bericht und der Fotoshow wird es Ende des Jahres ein Quelle-Katalog-formatiges Buch mit allen Liedern und Texten geben. Gleich nach dem Seminar wurde unter Leitung von Stefan Riepe (Produktion), Andreas Overdick (Gesangs-Coach), Harald Barthel (Technik) und Musikreferent Micha Keding eine CD produziert, auf der die meisten der entstandenen Songs mit kompletter Bandbesetzung und professionellem Arrangement eingespielt wurden.
Das Seminar "Natur und andere Gewalten" war mittlerweile das sechste dieser Art. Falls Ihr wissen möchtet, wie es auf den früheren Seminaren zugegangen ist (oder sehen möchtet, wie einzelne Teilnehmende, die immer wieder dabei sind, vor acht Jahren aussahen), lest einfach folgende Artikel:

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